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Presse

Mangel an IT-Fachkräften liegt wesentlich an falscher Vorstellung vom Informatikstudium

20.10.2008

Bildungsgipfel: Mangel an IT-Fachkräften liegt wesentlich an falscher Vorstellung vom Informatikstudium
Lösung des Problems durch verstärkte Aufklärungsarbeit, Lehrerqualifikation und realitätsnähere Gestaltung des Schulfachs Informatik


Für viele Unternehmen ist der Mangel an Fachkräften ein gravierendes Problem. „Manche Arbeitsmarktexperten sprechen bereits von einem ‚war for talents’, von dem in zunehmendem Maße auch die IT-Branche betroffen ist“, sagt Jörg Krüger, seit August Geschäftsführer beim Hamburger IT-Unternehmen AKRA GmbH. So meldete die High-Tech-Branche Anfang 2007 noch 20.000 offene Stellen für IT-Fachleute – mittlerweile sind es schon 45.000. Die Finanzkrise hat also offenbar keinen negativen Einfluss auf den Arbeitsmarkt für IT-Spezialisten, in dem es vor allem an Software-Entwicklern, Projektmanagern und IT-Beratern mangelt. „Das Thema ist so bedeutend, dass es auch am 22. Oktober auf dem Bildungs- bzw. Qualifizierungsgipfel unter Leitung von Bundeskanzlerin Merkel eine wichtige Rolle spielen wird“, so Jörg Krüger. Auf diesem Qualifizierungsgipfel will man laut Kanzleramt eine Antwort finden auf den sich abzeichnenden Fachkräftemangel, wobei die Bereiche Schule/Ausbildung und High-Tech von zentraler Bedeutung sind. Um hier Lösungen zu finden, ist es entscheidend, die Gründe für den Mangel an IT-Fachkräften genau zu erkennen.

„Bedeutende Ursachen sind die sinkende Geburtenrate und die steigenden Anforderungen in der Wirtschaft“, so Krüger. „Nicht weniger bedeutend ist allerdings ein Phänomen, das bisher im öffentlichen Diskurs noch nicht den entsprechenden Raum eingenommen hat, nämlich das weithin falsche Verständnis vom Informatikstudium“, so Krüger weiter, der auch seit vielen Jahren als Dozent für Systementwicklung und Geschäftsprozessmanagement an der internationalen Fachhochschule Wedel tätig ist. Belegt wird dies auch durch eine aktuelle Studie von Computacenter und TNS Emnid. Dieses falsche Verständnis geistert schon in den Köpfen von Abiturienten und Abiturientinnen herum. Zwar erkennen sie im Allgemeinen das Studium durchaus als wichtig an – und doch können sich viele Schulabgänger nicht dazu durchringen, sich für Informatik an einer Hochschule einzuschreiben. Denn die meisten haben immer noch die falsche Vorstellung im Kopf, das Informatikstudium sei staubtrocken und nur etwas für den typischen Hacker, der tagein, tagaus im Keller vor seinem Computer hockt und dabei immer blasser wird.

Die Folge ist, dass vor allem diejenigen anfangen, Informatik zu studieren, die schon während ihrer Schulzeit herumprogrammiert oder herumgehackt haben und sich darin auch im Studium sozusagen ausleben möchten. Viele dieser Studenten erleben dann aber während des Informatikstudiums ein böses Erwachen, wenn sie voller Enttäuschung realisieren, dass sie im Studium nicht nur herumprogrammieren, sondern auch systematisch an die Grundlagen der Mathematik, Physik und Wirtschaftswissenschaften herangeführt werden. „Rund ein Viertel von den wenigen, die überhaupt anfangen, Informatik zu studieren, brechen das Studium wieder ab“, so die Einschätzung des Diplom-Informatikers Krüger. Ein zentrales Problem, das auch die Bundesregierung erkannt zu haben scheint. In einer aktuellen Stellungnahme heißt es, dass es beim Thema Fachkräftemangel vor allem auch darum gehe, an den Hochschulen die Zahl der Studienabbrecher in den technischen Fächern zu senken.

Hierfür sind die Voraussetzungen beim Studienfach Informatik schon mal günstig. „Denn im Grunde gibt es mehr Studienplätze als Bewerber – und es könnten leicht noch mehr Plätze geschaffen werden, da für die Einrichtung eines Informatikstudienplatzes vergleichsweise wenig Aufwand notwendig ist, also zum Beispiel keine teuren Labore oder ganze Maschinenparks eingerichtet werden müssen“, sagt Krüger. Was also muss getan werden? Zunächst ist verstärkte Aufklärungsarbeit notwendig. „Das heißt, es müssten erfahrene IT-Experten aus verschiedensten Fachrichtungen in die Oberstufen der Schulen gehen und dort erzählen, was Informatiker in der Praxis wirklich zu erwarten haben“, so Krüger, der über mehr als 25 Jahre Berufserfahrung in der IT-Branche verfügt. Zum anderen empfinden Schüler das Fach Informatik nicht selten als „gruselig“, da es entweder viel zu sehr in die Tiefe der Programmierung geht oder zu sehr an der Oberfläche bleibt, indem etwa nur mit Systemen wie Word gearbeitet wird. Hier wäre noch einiges für die Qualifikation entsprechender Fachlehrer zu tun, wozu auch Praktika der Lehrer in einschlägigen Firmen der Informations- und Kommunikationsbranche zählen müssten.

„Tatsächlich ist die Nutzung der Informationstechnik heute bereits eine Kulturtechnik wie Schreiben, Lesen und Rechnen, und alle Schüler sollten im Unterricht den kritischen Umgang mit dem Word Wide Web sowie die Anwendung von Bürokommunikationssystemen wie Microsoft oder Open Office erlernen“, sagt Krüger. Den darüber hinaus Interessierten sollte im Schulfach Informatik Grundlagenwissen vermittelt werden. Mit anderen Worten: Es wäre sinnvoll, den Schulunterricht viel realitätsnäher zu gestalten, indem etwa anhand von praktischen Beispielen Zusammenhänge konkret aufgezeigt werden. „So könnte man ausgehend von einer Anzeigentafel auf einem Flughafen, auf der die Ab- und Ankunftsflüge aufgelistet sind und ständig aktualisiert werden, die Antwort auf die Frage erarbeiten, wie man dahin kommt, die Inhalte der  Anzeigentafel zu sammeln, aufzubereiten und anzuzeigen“, nennt Krüger ein praktisches Beispiel. „Themen wie Prozessmanagement, Systemarchitektur, Datenmodellierung, Projekt- und Teamarbeit bis hin zur tatsächlichen Programmierung könnten so miteinander verzahnt, kennengelernt, erprobt und verstanden werden. Dass dabei viel mit Menschen zu kommunizieren ist, sei dabei nur am Rande erwähnt. Jedenfalls würde es nicht funktionieren, wenn man nur blassgesichtig im Keller am Computer säße.“

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